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21. Jahrhundert

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Irren ist menschlich – immer noch! Relektüre eines psychiatriekritischen Lehrbuches von 1978 (2026)
Binder, Beate
»Irren ist menschlich«: Unter diesem Titel erschien 1978 erstmals ein »Lehrbuch der Psychiatrie/Psychotherapie«, das allen gewidmet war, »die sich in der Ausbildung befinden«, »die in der Psychiatrie arbeiten« und »die sich betroffen fühlen«. Adressiert wurde somit ein deutlich über das Fachpublikum hinausreichender Leser:innen­kreis, den die Autor:innen Klaus Dörner und Ursula Plog in der einführenden »Gebrauchsanweisung« (S. 9-16) weiter ausbuchstabierten: Das Buch solle nicht nur durch ein anstehendes Examen helfen und dem »psychiatrisch tätigen Leser« ein »nachdenklicheres«, »freudvolleres« Arbeiten ermöglichen, sondern »auch für Laien, Angehörige und Patienten« lesbar sein (S. 9). Grundsätzlich solle es »den Leser privat befähigen, mit sich und seinem Leben besser umzugehen« (ebd.). Durch diesen Anspruch überschreitet das Lehrbuch die Grenze zwischen psychiatrischem Fachbuch und allgemeiner Ratgeberliteratur. Es reiht sich so nicht nur in Publikationen ein, die die Neuorganisation des bundesdeutschen psychiatrischen Versorgungssystems diskutierten, sondern auch in den allgemeinen »Psychoboom« der 1970er-Jahre.
True Crime und die Erklärung des Bösen. Forensische Psychiatrie zwischen Information und Entertainment (2026)
Hinz, Uta ; Marazia, Chantal ; Fangerau, Heiner
True Crime – die Darstellung »wahrer Verbrechen« – gilt in seinen analogen, digitalen und interaktiven Formaten längst als Teil der (westlichen) Populärkultur und als »big business«. An Untersuchungen des Phänomens, das zuerst Buchmarkt und TV-Kanäle eroberte und aktuell das Netz flutet, mangelt es nicht. Eine expandierende medien-, literatur- und kulturwissenschaftliche Forschung fragt, wie die mediale Omnipräsenz brutaler Mörder und Serienkiller sowie die von ihnen ausgehende Faszination für das Publikum einzuordnen sind. Der Blick richtet sich dabei stark auf die USA und auf die Gegenwart. Exemplarisch steht hier Mark Seltzers Zeitdiagnose, die True Crime als Phänomen einer neuartigen »wound culture«, als populären Ausdruck einer »pathologischen Öffentlichkeit« sieht. Über »Fremd-Intimität« und »Stellvertreter-Gewalt« werde eine neue Form technisiert vermittelter Gemeinschaft hergestellt, in der sich die Trennung zwischen privat und öffentlich auflöse.
Normal verrückt. Was ist und welche Ziele verfolgt eine psychiatrische Zeitgeschichte? (2026)
Fangerau, Heiner ; Hess, Volker ; Borck, Cornelius ; Nolte, Karen
Die Geschichte der Psychiatrie ist nicht nur eine Geschichte der Differenz von »gesund« und »krank«, sondern auch von »normal« und »verrückt«. Das letztere Begriffspaar prägt seit der Aufklärung den Umgang mit psychischer Alterität. Mit ihm wurde in verschiedenen Kontexten eine nicht nur für die Psychiatrie konstitutive Wahrnehmung einer sozialen Devianz gefasst. Seit dem frühen 19. Jahrhundert dienten die Begriffe den bürgerlichen Gesellschaften europäischer Prägung zur Gegenüberstellung einer – westlichen, modernen, zivilisierten, männlichen etc. – »normalen« Vernunft auf der einen Seite und einer als »verrückt« (im Sinne von nicht gesellschaftskonform) ausgegrenzten, psychiatrisierten Unvernunft auf der anderen.
You Look All the Same to Me. Perspektiven auf die Diane-Arbus-Ausstellung im Berliner Gropius Bau (2025)
Weber, Niklas
Mit weit aufgerissenen Augen schaut uns das Mädchen an. Aus seinem Blick spricht eine Ernsthaftigkeit, vielleicht auch Traurigkeit, die irritiert, weil das Kind kaum älter als zehn Jahre sein kann. Woher, fragt man sich beim Betrachten der Fotografie, rührt dieser Ernst, welchen traumatischen Erfahrungen mag er geschuldet sein? Fast wirkt es so, als schaue es weniger in die Kamera als in die Zukunft, und man wüsste nur allzu gerne, was aus ihm geworden und wie die Geschichte weitergegangen ist. Geschossen hat das Bild die amerikanische Fotografin Diane Arbus (1923-1971), die gerade mit einer großen Retrospektive im Berliner Martin-Gropius-Bau geehrt wird. Arbus gilt seit ihrem Freitod als Ikone der modernen Fotografie, bereits in den 1970er Jahren wurde ihr eine epochale Wirkung attestiert. Ihr Werk besteht zu einem großen Teil aus Schwarz-Weiß-Porträts von Unbekannten, die frontal in die Kamera blicken, so ungeheuer eindringlich und melancholisch, dass man sie nicht mehr aus dem Kopf bekommt.
Fotobuch: Ukraine 2004-2024: Wir hatten ein normales Leben. Eine Rezension (2025)
Hoffmann, Hans Hugo
Normalität ist kein statisches Konzept. Oft bemerken wir erst im Rückblick, wie unmerklich sich unser Wertekompass verschoben hat. Die Normalität von gestern entspricht selten jener von heute. Wir erleben das gegenwärtig in aller Deutlichkeit in der Ukraine. Der nächtliche Luftalarm ist irgendwann wie das plötzliche Brummen des Kühlschranks – ein Geräusch, das man registriert, aber nicht mehr hinterfragt. Man kann ja nicht jede Nacht runter in den Keller. Ich habe das in der Ukraine selbst erlebt. Wenn man das realisiert, dann ist das der Moment, in dem sich das Unfassbare mit dem Gewöhnlichen verbindet und eine neue, irritierende Normalität bildet. Deshalb ist dieses Buch so wichtig: Es dokumentiert jene alte Normalität, die es in Charkiw, Lwiw, Kyjiw oder Odessa einmal gab – und setzt sie in Beziehung zu der neuen Normalität, die seit 2014 und besonders seit 2022 in der Ukraine Realität geworden ist.
Original Ostblock. Der Staatssozialismus in touristischen Stadtführungen (2025)
Stach, Sabine
Geschichte wird zunehmend als Erlebnis konsumiert. Für den Geschichtstourismus gilt dies in besonderem Maße. Was passiert konkret, wenn lokale Vergangenheit an ein internationales Publikum verkauft wird? Sabine Stach geht dieser Frage anhand eines zentralen touristischen Formats - der Stadtführung - nach. Am Beispiel der immer beliebteren »communism tours« untersucht sie, wie das Erbe des Kalten Kriegs in Warschau, Prag und Bratislava für Tourist:innen gedeutet und als authentisches Erlebnis inszeniert wird. Mit ethnographischem Blick nähert sich die Autorin dem Zusammenspiel von Reisenden, Guides und Stadtraum und zeigt, wie die jüngere Geschichte der verschiedenen Orte durch Interaktionen und performative Elemente »begehbar« wird. Indem die Arbeit Perspektiven der Memory und Heritage Studies mit Ansätzen der Tourismusforschung kombiniert, beleuchtet sie das komplexe Verhältnis zwischen lokalem Wissen, transkulturellen Erinnerungen, touristischen Bedürfnissen und ökonomischen Logiken. Die Kommunismustouren, die den Staatssozialismus teils humorvoll, teils kritisch inszenieren, offenbaren damit viel mehr als oberflächliche Unterhaltung: Sie erhellen die Dynamik, mit der Geschichte im Zeitalter des Massentourismus kommuniziert und konsumiert wird.
Historische Biografieforschung (2025)
Harders, Levke
Jetzt in einer aktualisierten Version 2.0: Biografie ist ein literarisches und wissenschaftliches Genre, das erst durch theoretische und methodische Reflexionen zu einem konzeptionellen Ansatz der Geschichtswissenschaft wird. Levke Harders beginnt ihren Beitrag mit einer Übersicht zur Entwicklung der Biografik in den (deutsch- und englischsprachigen) Geschichtswissenschaften, thematisiert anschließend die Popularität (sowie die Grenzen) des Genres und stellt einige aktuelle Forschungsfelder der Biografik vor, die sich „neuen“ Subjekten und Themen widmen.
Amidst Wind and Sky: An Interview with Amanullah Mojadidi (2025)
Elcheikh, Zeina
Amanullah Mojadidi is an American conceptual artist and curator of Afghan descent. His parents left Kabul in the late 1960s, long before the country became a battleground of never-ending conflicts. One of three siblings, Amanullah is the only one who has ever visited Afghanistan. He wanted to connect with the birthplace of his ancestors. For over 15 years, Mojadidi has worked as a conceptual artist in the field of art and culture within the international development sector. With a background in cultural anthropology, his research and artistic practice have used experimental ethnographic approaches and mixed-media techniques. Through site-specific installations and participatory performances, he approaches themes such as belonging, conflict, religion, identity, migration, and the politics of representation – often concerning Afghanistan.
Ausstellung „Bizzare Normality“. Über das Leben im ukrainischen Lwiw zwischen Normalität und Krieg (2025)
Hoffmann, Hans Hugo ; Kuhr-Korolev, Corinna
Die zwischen April 2023 und April 2025 entstandene Fotoserie des Künstlers Hans Hugo Hoffmann untersucht die Ambiguität des Alltags von Künstler:innen und Kreativen in Lwiw in der Ukraine. Derzeit sind die Fotos im Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF) ausgestellt. Die ZZF-Mitarbeiterin und Osteuropa-Historikerin Corinna Kuhr-Korolev sprach mit dem Fotografen über seine Motivation, für dieses Projekt in die Ukraine zu fahren, und darüber, was er außer den Fotos von dort für sich mitgenommen hat.
Virtuelle Resituierung: Das Projekt »Digital Benin« (2025)
Meyer, Roland
Wer im Berliner Humboldt Forum nach der »Zukunft der Benin-Bronzen« sucht, stößt auf eine Galerie sprechender Köpfe. Der gleichnamige Saal im Ostflügel des Gebäudes präsentiert als sein zentrales Ausstellungsobjekt eine Reihe von zehn hochkant gestellten, in Augenhöhe angebrachten Monitoren, auf denen neben Hermann Parzinger als Repräsentant der Institution auch ein Vertreter des Königshauses von Benin sowie Kurator:innen und Wissenschaftler:innen aus Deutschland und Nigeria in wohlabgewogenen Statements ihre Sicht auf die Zukunft der umstrittenen Sammlungsobjekte schildern. Immer, wenn eine Person das Wort ergreift, wenden sich die anderen ihr aufmerksam zu.
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