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1970er

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»Trinkend leben«? Ulrike Ottingers Spielfilm »Bildnis einer Trinkerin« (1979) (2026)
Balz, Viola
»Sie, eine Frau von hoher Schönheit, von antiker Würde und raphaelischem Ebenmaß […] beschloß an einem sonnigen Wintertag La Rotonda zu verlassen. Sie löste ein Ticket aller jamais retour Berlin Tegel. Sie wollte ihre Vergangenheit vergessen, vielmehr verlassen, wie ein abbruchreifes Haus. Sie wollte sich mit all ihren Kräften auf eine Sache konzentrieren, ihre Sache; endlich ihrer Bestimmung zu leben war ihr alleiniger Wunsch. […] Berlin, eine Stadt, in der sie völlig fremd war, schien ihr der rechte Ort, ungestört ihrer Passion zu leben. Ihre Passion war zu trinken, leben um zu trinken, trinkend leben, das Leben einer Trinkerin.«
Irren ist menschlich – immer noch! Relektüre eines psychiatriekritischen Lehrbuches von 1978 (2026)
Binder, Beate
»Irren ist menschlich«: Unter diesem Titel erschien 1978 erstmals ein »Lehrbuch der Psychiatrie/Psychotherapie«, das allen gewidmet war, »die sich in der Ausbildung befinden«, »die in der Psychiatrie arbeiten« und »die sich betroffen fühlen«. Adressiert wurde somit ein deutlich über das Fachpublikum hinausreichender Leser:innen­kreis, den die Autor:innen Klaus Dörner und Ursula Plog in der einführenden »Gebrauchsanweisung« (S. 9-16) weiter ausbuchstabierten: Das Buch solle nicht nur durch ein anstehendes Examen helfen und dem »psychiatrisch tätigen Leser« ein »nachdenklicheres«, »freudvolleres« Arbeiten ermöglichen, sondern »auch für Laien, Angehörige und Patienten« lesbar sein (S. 9). Grundsätzlich solle es »den Leser privat befähigen, mit sich und seinem Leben besser umzugehen« (ebd.). Durch diesen Anspruch überschreitet das Lehrbuch die Grenze zwischen psychiatrischem Fachbuch und allgemeiner Ratgeberliteratur. Es reiht sich so nicht nur in Publikationen ein, die die Neuorganisation des bundesdeutschen psychiatrischen Versorgungssystems diskutierten, sondern auch in den allgemeinen »Psychoboom« der 1970er-Jahre.
Spaltung ohne Seele. »Anti-Ödipus« (1972) und das Subjekt im Kapitalismus (2026)
Schäfer, Armin
»Anti-Ödipus. Kapitalismus und Schizophrenie« von Gilles Deleuze und Félix Guattari fällt in einer Klassifikation, die der französische Literaturwissenschaftler Pierre Bayard aufgestellt hat, unter die »Bücher, die man vom Hörensagen kennt«: Es »ist nicht nötig«, sie »in der Hand gehabt zu haben, um detailliert darüber zu sprechen, sofern man nur hört und liest, was andere Leser darüber sagen«. Von Anfang an waren die Lektüren indes uneins, wie das Buch überhaupt aufzufassen sei und welche Position es vertrete. Ungeachtet seiner näheren Einordnung in eine Geschichte der French Theory ist vor allem strittig geblieben, welche Stellung es zur Psychoanalyse und Psychiatrie bzw. Psychiatriekritik einnimmt. Manchen Lesarten, die dem Buch attestieren, es sei »faithful to Freud’s core insights«, stehen andere gegenüber, die es entweder als einen Rückfall hinter wesentliche Einsichten der Psychoanalyse ansehen oder aber als deren intransigente Kritik.
»Wir Kinder vom Bahnhof Zoo«. Ein Medienereignis als Quellenensemble: Zwischen jugendlichem Drogenelend, popkulturellem Mythos und offenen Fragen (2026)
Falk, Oliver
Das Buch »Wir Kinder vom Bahnhof Zoo« ist weit mehr als eines der erfolgreichsten Sachbücher der deutschen Nachkriegsgeschichte. Millionenfach verkauft, avancierte es binnen kürzester Zeit zur »Bibel der Turnschuhgeneration, die sich ›in die Leiden der heiligen Christiane‹ (Herbert Riehl-Heyse) so inbrünstig versenkt wie eine andere Generation einst in die des jungen Werther«. Die »heilige Christiane« war die 1962 in Hamburg geborene Christiane Vera Felscherinow, die mit schonungsloser Offenheit ihren Weg als minderjährige Schülerin in die Heroinsucht schilderte. Ihre Geschichte war dabei nicht nur die Beschreibung einer Flucht vor Langeweile, Frust, familiärer Gewalt, gesellschaftlicher Gleichgültigkeit und einer rastlosen Suche nach sozialer Anerkennung. Vielmehr löste sie zugleich eines der wohl größten Medienereignisse der 1970er- und 1980er-Jahre in der Bundesrepublik Deutschland aus. Denn das 1978 erschienene Buch generierte eine immense mediale, pädagogische und politische Aufmerksamkeit, die sich durch den Film von 1981 noch steigerte – abzulesen etwa an der Vielzahl deutscher und internationaler Rezensionen sowie der Kommentare, Leit­fäden und Ratgeber für Eltern und Lehrer*in­nen zum pädagogisch verantwortungsvollen Umgang mit Christiane F.s Schilderungen.
»Arbeit an den Ausgrenzungsstrukturen«. Diskurse zu Mehrfachdiskriminierung und feministischer Therapie in Westdeutschland seit den 1970er-Jahren (2026)
Luckgei, Vera ; Nolte, Karen
In diesem Beitrag wird rekonstruiert, wie die Community feministischer Therapeutinnen von den 1970er-Jahren bis in die späten 1990er-Jahre mit Konflikten, Ein- und Ausschlüssen umging. Hauptquellen der Untersuchung sind die Dokumentationen der jährlichen Frauentherapiekongresse, die für die Geschichtsschreibung sozialer Bewegungen reichhaltiges Material liefern. Die Diskurse in diesem Forum wurden seit der Zeit der bundesdeutschen Psychiatrie-Enquête von 1975 geführt, allerdings abseits des psychiatrischen Feldes im engeren Sinne. Ausgangspunkt war die feministische Psychiatriekritik an der Pathologisierung von Frauen. Dass sich neue Therapieformen entwickeln konnten, ist auch als Folge der Öffnung des psychiatrischen Feldes zu interpretieren: Für Frauen wurde es möglich, sich als Betroffene von sexistischer Diskriminierung zu begreifen und selbst aktiv zu werden. Die Entwicklung verlief jedoch keineswegs linear und war auch mit Verletzungen verbunden. Die Anerkennung lesbischer und/oder jüdischer Frauen, von Frauen mit Migrationsgeschichte und/oder Behinderung – also die Sensibilität für Mehrfachdiskriminierung – war im Kontext der Frauentherapiekongresse lange nicht selbstverständlich.
Vom Psychoboom zum Psychomarkt. Medientechniken der Neo-Sannyas-Bewegung in den 1970er- und 1980er-Jahren (2026)
Doetz, Susanne
Mit ihren auf Selbstentfaltung zielenden psycho-spirituellen Angeboten war die Neo-Sannyas-Bewegung um Bhagwan Shree Rajneesh alias Osho Teil des in den 1970er-Jahren aufkommenden »Psychobooms«. Gekennzeichnet durch eine Verwischung der Grenzen zwischen Therapie und transzendentaler Selbsterfahrung, lässt sich an dieser Bewegung die Erosion der Differenz von »normal« und »verrückt« exemplarisch darstellen. In dem Beitrag werden die enorme Medienproduktion der Sannyasins und ihre Funktionen untersucht. Die in Eigenregie hergestellten Zeitschriften, Bücher, Audio- und Videokassetten waren für den Zusammenhalt der Neo-Sannyas-Bewegung von entscheidender Bedeutung. Sie verbreiteten ein körperorientiertes spirituelles Psychowissen, das seinen Weg sogar auf die östliche Seite des »Eisernen Vorhangs« fand. Gleichzeitig erzeugten und festigten solche Medien die »Marke« Bhagwan auf einem boomenden, sich ausdifferenzierenden Psychomarkt. Als Quellen dienen die Medienprodukte sowie Archivalien und graue Literatur aus dem International Institute of Social History (Amsterdam), der Oregon Historical Society (Portland) und dem Stasi-Unterlagen-Archiv (Berlin), ergänzt um Interviews mit Zeitzeug:innen.
Die Überwachenden. Rezension: Philipp Springer, Die Hauptamtlichen. Fotografische Einblicke und biografische Skizzen aus den Akten des Ministeriums für Staatssicherheit (2026)
Trivellato, Clara
Die Rezension von Francesca Trivellato bespricht das Buch „Die Hauptamtlichen“ von Philipp Springer, das anhand bislang wenig bekannter Fotografien und biografischer Skizzen Einblicke in den Alltag hauptamtlicher Mitarbeiter des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit gibt.
Psychiatrie – transkulturell. Erich Wulff und Hubertus Tellenbach: Positionen zur Kulturabhängigkeit von Krankheitskonzepten in den 1970er-Jahren (2026)
Schmidt-Herzog, Lisa ; Borck, Cornelius
Transkulturelle Psychiatrie ist heute der Name für ein Spezialgebiet zur psychiatrischen Versorgung von Menschen mit Migrationserfahrungen, während in der Vergangenheit unter dieser Bezeichnung methodische Grundsatzprobleme verhandelt wurden. Denn die Frage, inwieweit Krankheiten kulturell geformt sind, stellt sich in der Psychiatrie mit besonderer Dringlichkeit. Für die psychiatrische Zeitgeschichte sind dabei vor allem die 1970er-Jahre aufschlussreich, als in der Bundesrepublik Deutschland sozialpsychiatrische Reformen einsetzten, während international um die Dekolonisierung gekämpft wurde und die Weltgesundheitsorganisation das homogenisierende Leitbild Global Mental Health prägte. Vorgestellt und verglichen werden hier die für die Transkulturelle Psychiatrie in der Bundesrepublik zentralen Positionen von Erich Wulff und Hubertus Tellenbach. Trotz gemeinsamer philosophisch-methodenkritischer Ausgangspunkte entwickelten sie höchst unterschiedliche Sichtweisen (historisch-materialistisch versus metaphysisch). Die damals verhandelte Spannung zwischen einem universalen Maßstab und kulturspezifischen Konzepten weist zugleich auf aktuelle postkoloniale Debatten zum Kulturrelativismus voraus.
Autoturism Dacia: Zur fotografischen Ästhetisierung eines rumänischen Erinnerungsorts (2026)
Bent, Johannes
Der Artikel zeigt, wie der Dacia durch fotografische Projekte zu einem Symbol der rumänischen Erinnerungskultur wird. Die Bilder stellen das Auto sowohl als alltäglichen Gebrauchsgegenstand als auch als nostalgisches Relikt der sozialistischen Vergangenheit dar.
Erneuerung der alten Rechten. Nationalistische und rassistische Diskurse in Deutschland und Frankreich 1951-1971 (2026)
Müller-Zetzsche, Marie
Zeitschriften wie Nation Europa und Défense de l`Occident tradierten nach 1945 die alte rechtsradikale Ideologie. Rechtsradikale Ideologie verschwand nach 1945 nicht, sondern suchte sich neue Ausdrucksformen. In der Bundesrepublik und in Frankreich spielten dabei die rechtsradikalen Zeitschriften »Nation Europa« und »Défense de l'Occident« eine zentrale Rolle. Sie bewahrten faschistische und nationalsozialistische Denkmuster und arbeiteten an neuen Begriffen, »Rasse« wurde etwa zu »Kultur«. Sie entwarfen mit dem »europäischen Nationalismus« ein ideologisches Dach für unterschiedliche Strömungen. Marie Müller-Zetzsche rekonstruiert die intellektuelle Vorgeschichte der »Neuen Rechten« in der Bundesrepublik Deutschland und Frankreich. Sie zeigt, wie ein Netzwerk von »politischen Schriftstellern« über Jahrzehnte hinweg ideologische Kontinuitäten schuf, Narrative bewahrte und Diskursräume öffnete, die für spätere rechte Bewegungen anschlussfähig wurden. Dabei steht nicht nur die inhaltliche Tradierung im Fokus, sondern auch die publizistische Strategie: Wiederholung, scheinbarer Pluralismus, Kampf um Begriffe, Übersetzung und nicht zuletzt transnationale Vernetzung.
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