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Die ambivalente Geschichte jüdischen Lebens in Berlin und dessen Platz in der heutigen Erinnerungskultur Das jüdische Berlin hat eine lange und wechselvolle Geschichte. Seit dem Mittelalter gab es antijüdische Pogrome, mörderische Verfolgung und erzwungene Emigration. In Berlin erkämpften Jüdinnen und Juden aber auch ihre Emanzipation. Sie beanspruchten einen wichtigen Platz in der Geschichte des Berliner Geisteslebens und in der Wirtschaft der boomenden Industriemetropole. Im Kaiserreich entwickelte sich die deutsche Hauptstadt zum Zentrum des jüdischen Lebens in Deutschland, das in der Weimarer Republik seine Blüte erfuhr, bevor es in der NS-Diktatur systematisch zerstört wurde. Doch auch im geteilten und im wiedervereinigten Berlin gab es wieder ein jüdisches Leben in Berlin, das heute vor neuen Herausforderungen steht. Der Band versammelt Beiträge von Expertinnen und Experten zur Geschichte jüdischen Lebens in Berlin. Er thematisiert die ambivalente Geschichte des Berliner Judentums und dessen Platz in der heutigen Erinnerungskultur.
Arbeit bestimmt unser Leben. Arbeitsverhältnisse entscheiden über gesellschaftliche Zugehörigkeiten und den materiellen Status. Sie modellieren Geschlechterbeziehungen, formen Lebensläufe und hinterlassen Spuren in den sozialen Beziehungen. Die Deindustrialisierung, die Ausweitung des Dienstleistungssektors und die Digitalisierung veränderten seit den 1970er Jahren die Arbeitswelt tiefgreifend. Im vorliegenden Band wird nach den Auswirkungen dieser Transformationen im geteilten und vereinigten Deutschland gefragt und gezeigt, wie sie die Soziallagen, aber auch das Bewusstsein von Erwerbstätigen verändert haben. Die Autorinnen und Autoren widmen sich u. a. internationalen Produktionsverlagerungen, der Umwandlung von Industrierevieren in Dienstleistungsquartiere, spezifisch weiblichen Berufsfeldern wie dem Einzelhandel, migrantisch geprägten Tätigkeiten im Entsorgungs- und Reinigungsgewerbe und analysieren Privatisierungsfolgen sowie die Wissensgeschichte der Prekarität. Im Fokus stehen dabei Arbeitserfahrungen, durch veränderte Arbeitspraktiken hervorgebrachte soziale Polarisierungen sowie der gewerkschaftliche Umgang mit Rationalisierung und Arbeitslosigkeit.
Mario Keßler stellt in seiner Rezension das Werk des Fotografen Walter Ballhause vor, der mit seiner Kamera die sozialen Folgen der Weltwirtschaftskrise in den frühen 1930er-Jahren festhielt. Seine Fotografien gelten heute als bedeutende historische Quellen, da sie die Lebenswirklichkeit der Arbeiterklasse authentisch dokumentieren.
»Sie, eine Frau von hoher Schönheit, von antiker Würde und raphaelischem Ebenmaß […] beschloß an einem sonnigen Wintertag La Rotonda zu verlassen. Sie löste ein Ticket aller jamais retour Berlin Tegel. Sie wollte ihre Vergangenheit vergessen, vielmehr verlassen, wie ein abbruchreifes Haus. Sie wollte sich mit all ihren Kräften auf eine Sache konzentrieren, ihre Sache; endlich ihrer Bestimmung zu leben war ihr alleiniger Wunsch. […] Berlin, eine Stadt, in der sie völlig fremd war, schien ihr der rechte Ort, ungestört ihrer Passion zu leben. Ihre Passion war zu trinken, leben um zu trinken, trinkend leben, das Leben einer Trinkerin.«
»Aber eines sage ich nur Ihnen: es soll mir niemand mehr kommen und sagen, ein Schizophrener sei nicht einer schöpferischen Leistung fähig; bei Schröder ist wohl das ganz seltene Ereignis eingetreten, dass die Psychose einen durchschnittlichen Menschen zum schöpferischen Künstler erhoben hat.« Mit diesen begeisterten Worten berichtete der schweizerische Psychiater Alfred Bader (1919–2009) seinem österreichischen Kollegen und Freund Leo Navratil (1921–2006) von der Begegnung mit dem psychiatrieerfahrenen Künstler Friedrich Schröder-Sonnenstern (1892–1982) in West-Berlin 1964. Bader war gemeinsam mit dem Schweizer Filmemacher Ernest (Nag) Ansorge (1925–2013) in die Mauerstadt gereist, um einen Film über den kontrovers beurteilten Autodidakten Schröder-Sonnenstern zu drehen.
»Irren ist menschlich«: Unter diesem Titel erschien 1978 erstmals ein »Lehrbuch der Psychiatrie/Psychotherapie«, das allen gewidmet war, »die sich in der Ausbildung befinden«, »die in der Psychiatrie arbeiten« und »die sich betroffen fühlen«. Adressiert wurde somit ein deutlich über das Fachpublikum hinausreichender Leser:innenkreis, den die Autor:innen Klaus Dörner und Ursula Plog in der einführenden »Gebrauchsanweisung« (S. 9-16) weiter ausbuchstabierten: Das Buch solle nicht nur durch ein anstehendes Examen helfen und dem »psychiatrisch tätigen Leser« ein »nachdenklicheres«, »freudvolleres« Arbeiten ermöglichen, sondern »auch für Laien, Angehörige und Patienten« lesbar sein (S. 9). Grundsätzlich solle es »den Leser privat befähigen, mit sich und seinem Leben besser umzugehen« (ebd.). Durch diesen Anspruch überschreitet das Lehrbuch die Grenze zwischen psychiatrischem Fachbuch und allgemeiner Ratgeberliteratur. Es reiht sich so nicht nur in Publikationen ein, die die Neuorganisation des bundesdeutschen psychiatrischen Versorgungssystems diskutierten, sondern auch in den allgemeinen »Psychoboom« der 1970er-Jahre.
»Anti-Ödipus. Kapitalismus und Schizophrenie« von Gilles Deleuze und Félix Guattari fällt in einer Klassifikation, die der französische Literaturwissenschaftler Pierre Bayard aufgestellt hat, unter die »Bücher, die man vom Hörensagen kennt«: Es »ist nicht nötig«, sie »in der Hand gehabt zu haben, um detailliert darüber zu sprechen, sofern man nur hört und liest, was andere Leser darüber sagen«. Von Anfang an waren die Lektüren indes uneins, wie das Buch überhaupt aufzufassen sei und welche Position es vertrete. Ungeachtet seiner näheren Einordnung in eine Geschichte der French Theory ist vor allem strittig geblieben, welche Stellung es zur Psychoanalyse und Psychiatrie bzw. Psychiatriekritik einnimmt. Manchen Lesarten, die dem Buch attestieren, es sei »faithful to Freud’s core insights«, stehen andere gegenüber, die es entweder als einen Rückfall hinter wesentliche Einsichten der Psychoanalyse ansehen oder aber als deren intransigente Kritik.
